radical zero: Fahrbericht Cadillac Optiq
Ton, Steine, Scherben
Im Juli 2026 konnte Cadillac in der Schweiz seine Verkäufe tatsächlich um 33 Prozent steigern. In absoluten Zahlen ausgedrückt heisst das: Die Amerikaner steigerten sich von 3 auf 4 verkaufte Fahrzeuge. Und kamen damit fast auf die Höhe von Genesis, 6 Stück. Das ist doch ein gutes Zeichen, denn nach sieben Monaten in diesem Jahr sieht es nicht ganz so gut aus für Cadillac, von 39 Stück sanken die Verkäufe auf noch 19 Exemplare. Gut, das ist im Vergleich zu Jaguar, 2 Stück im Jahr 2026 bislang, noch ganz nett, aber man fragt sich dann schon, ob sich das wirklich lohnt, eine ganze Verkaufsorganisation aufzubauen, inklusive Shop an einer der teuersten Strassen der Welt, der Zürcher Bahnhofsstrasse. Auch die Engagements in der Formel 1 und der WEC scheinen sich bislang noch nicht so brutal auf den Verkaufserfolg ausgewirkt zu haben. Was man auch nicht vergessen sollte in dieser Betrachtung: Die Schweiz war einst der beste Markt von Cadillac in Europa, sogar in absoluten Zahlen. (Und einfach, damit die tektonischen Verschiebungen auf dem (Schweizer) Automarkt auch einmal noch erwähnt seien: BYD von Januar bis Juli 2026: 3332 (hat Tesla überholt…), Leapmotor im gleichen Zeitraum: 1074, Zeekr: 706… .)
Mit dem Vistiq und dem Lyriq und ganz neu dem Optiq bieten die Amerikaner unterdessen fast so viele unterschiedliche Modelle an, wie sie in der Schweiz im Juli Fahrzeuge verkaufen konnten (wobei es gut sein könnte, dass ein «Grossteil» der Verkäufe auf den offiziell nicht mehr angebotenen Escalade entfallen…). Alles Stromer, Lyriq ab 90’100 Franken, Vistiq ab 108’800 Franken – da erscheint der Optiq mit einem Einstandspreis von 66’680 Franken schon fast als ein Schnäppchen. Dafür kriegt man 2,4 Tonnen Blech, verteilt auf 4,82 Meter Länge, 1,91 Meter Breite und 1,64 Meter Höhe, einen 75-kWh-Akku für 425 Kilometer Reichweite nach WLTP, für ein E-Auto doch bescheidenen 281 PS (vielleicht sind es auch 304, Cadillac selber macht da unterschiedliche Angaben) und 480 Nm maximales Drehmoment, Allradantrieb.

Es ist nun einfach so: Wir haben es hier mit einem weiteren Elektro-SUV zu tun. Wenn man nun die Designsprache von Cadillac mag, diese Kanten, diese schroffe Front mit den Haifischzähnen als Tagfahrlicht (hallo, Peugeot…), dieses Kastenwagenartige, ja, dann kann das etwas werden. Innen gibt es noch einmal Kante in Form eines 33 Zoll breiten Bildschirms, der einfach oben aufs Armaturenbrett draufgepappt wurde. Das sieht nicht schlecht aus – und gleichzeitig irgendwie belanglos, austauschbar, es könnte auch ein billiger Chines sein oder ein Belgier. Immerhin ist das alles schön verarbeitet, gute Materialien, das konnte man ja auch bei der Luxus-Marke Cadillac, dem einstigen «Standard of the World», nicht immer als gegeben voraussetzen. Andererseits: Für 65 grosse Scheine darf man das wohl schon erwarten. Ach ja, sehr gutes Soundsystem, AKG, kennen wir zwar nicht, aber saubere Trennung, nicht so der oft übliche Ton-Steine-Scherben-Nebel. Die Platzverhältnisse sind auch gut, wobei 443 Liter Kofferraumvolumen für ein 4,82-Meter-Auto jetzt nicht wirklich überragend sind.

Er fährt sich nett, der Cadillac. Schön ruhig, sehr komfortabel. Ja, es gibt eine Lenkung, weder gut, aber auch nicht schlecht. Die Brembo-Bremsen verlangen etwas Einfühlungsvermögen, doch das hat man bald im Griff. Eher erstaunlich ist dann aber, wie schnell und wie sehr der Amerikaner über die Vorderräder schiebt, wenn man eine Kurve etwas flotter angeht – das gemäss Auskunft von Cadillac auf europäische Bedürfnisse ausgelegte Fahrwerk fühlt sich ein bisschen an wie bei einem Fronttriebler aus den 80er Jahren. Das Marketing der Amerikaner hat dem Optiq trotzdem das Prädikat «sportlich» verliehen, wohl deshalb hat er auch Reifen der Dimension 275/40 R21 erhalten mit einer Spezialmischung von Continental, Riesendingers, die dann sicher auch ein tiefes Loch ins Portemonnaie reissen, wenn sie ersetzt werden müssen.
Das Problem ist ganz einfach: Warum nur sollte man sich so einen Cadillac Optiq anschaffen wollen? Er ist kein schlechtes Automobil, wahrlich nicht, aber halt auch kein richtig gutes. Für das etwa gleiche Geld kriegt man auch einen Skoda Peaq, der ist in etwa ähnlich «aufregend», bietet aber viel mehr Platz. Für ein paar Scheine mehr gibt es einen Volvo EX60 oder einen BMW iX3, das sind dann aber sehr moderne Stromer mit viel mehr Reichweite und weitaus höheren Ladegeschwindigkeiten (Cadi: 110 kW…) und einem deutlich besseren Wiederverkaufswert und einer viel höheren Händlerdichte und. Auf unserer wahrlich nicht wilden Ausfahrt zeigte der Ami einen Verbrauch von 24 kWh/100 km an, das würde dann hochgerechnet eine Reichweite von etwas über 300 Kilometer ergeben. Und runtergerechnet auf das wahre Leben, also SOC 80 auf 10 Prozent: 210 Kilometer. «Entspanntes Reisen», wie das Cadillac für den Optiq entdeckt haben will, sieht anders aus.

Wir fuhren diesen sehr blauen Cadillac Optiq beim #GTEST von German Car of the Year. Mehr Cadillac, schöne, alte, sogar solche mit 16 Zylindern, haben wir im Archiv.
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