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Smarter Einsatz in Manhattan: Als Streifenwagen des NYPD erobert der Bonsai-Benz den Big Apple

Published in motosound.de

Robert Martinez sind schon ein paar eigenwillige Fahrzeuge untergekommen. Denn als Flottenchef beim New York Police Department (NYPD) verwaltet er den wahrscheinlich größten Polizeifuhrpark der Welt und hat das Sagen über 9 000 Streifenwagen, hunderte Transporter und allerlei Spezialfahrzeuge von der Dampfwalze bis zum Wasserwerfer. Doch jetzt hat der ehemalige Mechaniker, der es von der Werkstatt bis in die Chefetage in One Police Plaza geschafft hat, ein Auto in Dienst gestellt, das selbst in den Häuserschluchten von Manhattan noch auffällt. Nicht weil er so groß und martialisch wäre. Sondern weil er im Gegenteil der kleinste Streifenwagen ist, der den New Yorkern je unter die Augen kam. Denn seit diesem Sommer schickt Martinez seine Police-Officer im Smart auf Patrouille. Die ersten 100 Bonsai-Benz hat er schon umrüsten lassen und weitere 200 sollen in den nächsten zwei Jahren noch folgen.

Natürlich geht es ihm dabei nicht darum, die richtig schweren Jungs dingfest zu machen. Schließlich ist der Smart für Verhaftungen denkbar ungeeignet, räumt Martinez ein und setzt in Gefahrensituationen auch weiterhin auf seine gepanzerten Ford-Modelle. Und auch bei Verfolgungsjagten wird der Kleinstwagen mit seinem asthmatischen Dreizylinder nicht eingesetzt. „Dafür wäre er viel zu langsam und bei der ersten Berührung würde man ihn wahrscheinlich von der Straße schubsen.“

Aber immer dann, wenn es ein wendiges, kleines Fahrzeug braucht, das schmal ist und überall hinkommt, dann kommt der kleine Mercedes-Ableger in Manhattan jetzt groß heraus. Er fährt Patrouille im Central Park, steht Wache auf der Brooklyn Bridge, kurvt durch die Wallstreet und den Battery Park, wo die Fähren zur Freiheitsstatue ablegen, und ist auf Nachbarschaftsstreife in Vierteln wie China Town, Chelsea oder Tribeca unterwegs, um Schulwege zu sichern, Parksünder zu überführen und Kleinkriminellen das Handwerk zu legen.

„Bislang haben wir solche Jobs mit einem Dreirad erledigt“, sagt Officer Ralph Jefferson, der zu den ersten Smart-Fahrern des NYPD zählt und sich redlich über den Fortschritt freut. Denn die Dreiräder sahen nicht nur aus wie bessere Krankenfahrstühle und haben trotz Polizei-Livree bisweilen ein Autoritätsproblem. Sondern vor allem sind sie eng, lahm, unbequem und ohne Klimaanlage, schimpft Jefferson und aalt sich wohlig in seinem neuen Dienstwagen, den die Air Condition an diesem heißen Spätsommertag zum Eisschrank auf Rädern herunter gekühlt hat.

Dass ausgerechnet Jefferson einer der erstem war, die in den Smart gewechselt haben, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Schließlich ist der Cop ein wahrer Bulle von Polizist, bringt über 200 Pfund auf die Waage und hat nicht nur Oberarme wie Fußballerbeine, sondern auch das Kreuz eines Gewichthebers. Wenn er in den Smart klettert, sieht es deshalb ein bisschen so aus, als würde ein Zehnkämpfer aufs Bobbycar steigen. Doch sobald er sich mit der schusssicheren Weste und dem dick behangenen Gürtel erst einmal durch die Tür gezwängt hat, atmet Jefferson auf und wundert sich, dass so ein kleines Auto so viel Platz bieten kann: „Bequemer als hier sitze ich in keinem anderen Streifenwagen.“

Jefferson freut sich aber nicht nur am größeren Komfort im Smart, daran, dass er anders als im Dreirad keinen albernen Helm tragen muss und dass er bei seinen Acht-Stunden-Schichten im Auto nicht mehr schwitzen oder frieren muss. Sondern er freut sich auch an den Reaktionen auf seinen neuen Streifenwagen. Wo oder Blaulicht-Winzling auftaucht, wird er mit einem Lächeln begrüßt und die Passanten recken ihm den Daumen oder gleich die Kamera entgegen, erzählt der Officer: Ich bin in meinen sechs Jahren bei der Polizei noch nicht so oft angesprochen oder gar um ein Foto gebeten worden wie in meinen sechs Wochen mit dem Smart“, sagt der Officer. Das kann nicht schaden in einer Zeit, in der die Polizei in den USA gerade arg ins Gerede gekommen ist und um ihren Ruf ringt.

Dass er nur halb so viele Zylinder hat wie die ausgewachsenen Streifenwagen und dass der mickrige Einliter-Motor gerade einmal 60 PS leistet, trübt die Freude des Officers dabei nicht. Schließlich liegt sein Revier in China-Town am Fuß der Washington-Bridge. „Dort herrscht dauernd Stau und man fährt selten schneller als 20 oder 30 Meilen pro Stunde. Da braucht man nun wirklich keine 400 PS“, gibt sich der „Good Guy für den Bad Job“ bescheiden.

Sein Chef Robert Martinez freut sich natürlich, wenn die Beamten draußen im Streifendienst zufrieden sind. Aber für den Wechsel im Fuhrpark hat der Deputy Commissioner viel sachlichere Gründe: Der Smart kostet trotz des Umbaus zum Einsatzfahrzeug mit Blaulicht, LED-Schriftband und Kommunikationstechnik ein Drittel weniger als das Dreirad. Er hat die zuverlässigere Technik und die unkomplizierteren Einsatzbedingungen, sagt der Spitzenbeamte. Denn während das Dreirad als Motorrad zugelassen werden musste, ist der Smart ein ganz normales Auto. „Die Cops brauchen deshalb keinen speziellen Führerschein und müssen nicht so sehr aufs Gewicht achten.“ Denn Jefferson müsste eigentlich nackt im Dreirad fahren, so gering ist die Zuladung. Und falls ein Smart doch mal auf den Highway muss, ist er anders als der Threewheler schnell genug, dass er dort keine Polizeieskorte braucht. Nur der zweite Platz bringt den Polizisten nichts: Aus Versicherungsrechtlichen Gründen muss der unbesetzt bleiben, räumt Martinez ein und seine Beamten müssen bei einer drohenden Verhaftung tatsächlich Verstärkung rufen.

Das Streifenhörnchen aus Stuttgart kommt bei Bürgern und Beamten gleichermaßen gut an, es ist billiger als das alte Dreirad und besser und es kann vielfältiger eingesetzt werden. Kein Wunder, dass es Martinez kaum erwarten kann, bis er bald den letzten Threehwheeler ausgemustert und mit einem Smart ersetzt hat. Nur dass die Schwaben zum Jahresende auch eine Elektroversion auf den Markt bringen, lässt ihn herzlich kalt. Nicht dass ihm die Umwelt egal wäre. Schließlich war er es, der die ersten Streifenwagen mit Hybrid-Technik auf die Straßen von Manhattan gebracht hat. Doch rein elektrische Fahrzeuge passen nicht zu seinem Verständnis einer allzeit bereiten Polizeiflotte. „Wir haben nicht den Luxus, dass wir uns die Einsatzzeiten aussuchen könnten“, sagt Martinez. „Und ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als dass einem unserer Officer unterwegs plötzlich der Saft ausgeht.“