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Ferrari 340 Mexico

Published in radical-mag.com

Hol’s der Geier

Diese kleine Geschichte handelt von einem grossen Verlierer. Von einem Ferrari, der gebaut worden war, um wichtige Rennen zu dominieren – und keinen Blumentopf gewann. Dieses Fahrzeug war eine einzige Enttäuschung, auch wenn man es ihm auf den ersten Blick vielleicht nicht ansieht.

Wir blicken wieder einmal zurück. Es gibt so ein paar Auto-Rennen, die sind wichtiger, strahlender, grossartiger als alle anderen. Heute sind noch das der Grosse Preis von Monaco, die 500 Meilen von Indianapolis, die 24 Stunden von Le Mans und, trotz gewissen Abstrichen in den vergangenen Jahren, auch noch die Rallye Monte Carlo. Bis in die 70er Jahre gehörte auch die Targa Florio auf Sizilien zu diesen wirklich ruhmvollen Rennen, und noch ein zweites Rennen in Italien darf ewigen Ruhm für sich in Anspruch nehmen, die 1957 letztmals durchgeführte Mille Miglia. Und dann gibt es: «la Carrera Panamericana».

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Die Mexikaner waren mächtig stolz darauf, als sie Ende der 40er Jahre ihren Teil der Panamericana, einer Schnellstrasse quer durch Nord- und Südamerika, fertig gestellt hatten. Das musste gefeiert werden – natürlich am besten mit Auto-Rennen. Am 5. Mai 1950 wurde die erste «Carrera Panamericana», die von der Grenze zu den USA 3436 Kilometer nach El Ocotal führte, gestartet; das Rennen führte über neun Etappen, dauerte sechs Tage und wurde von McGriff/Eliott auf einem Oldsmobile 88 gewonnen. Bei dieser ersten Austragung waren nur Limousinen in – mehr oder weniger – serienmässigen Zustand zugelassen. Von den europäischen Herstellern hatte sich Alfa Romeo so ein wenig engagiert (aber immerhin mit den bekannten Fahrern Piero Taruffi und Felice Bonetto), doch es sprach sich bei den grossen europäischen Marken schnell herum, dass das Rennen quer durch Mexiko etwas ganz Besonderes war. 1951 wurde von Süden nach Norden gefahren, Start war in Tuxtla, das Ziel in Ciudad Juarez, es gewannen Taruffi/Chinetti auf einem Ferrari 212 Inter.

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Doch hier geht um das Jahr 1952, um die dritte Carrera, die vom 19. bis 23. November stattfand. Porsche trat an, mit einem speziellen 356 S, gemeldet vom Fürsten von Metternich, das «Comité Gordini de Mexico» war dabei, mit zwei T15S, auch Lancia hatte sich gemeldet, mit drei Aurelia 20B, gesteuert von Bonetto, Casablanca und Umberto Maglioli, der 1951 Zweiter geworden war bei der Mille Miglia. Dann gab es drei offizielle Mercedes 300 SL (Lang/Grupp, Kling/Klenk, Fitch/Geiger) und eine ganze Horde von Ferrari. Letztere wurden zwar nicht vom Werk gemeldet, doch die drei 340 Mexico, alle unter dem Banner von «Industrias 1-2-3» startend, waren eindeutig von Maranello aus auf den Weg nach und durch Mexiko geschickt worden. Das zeigen allein schon die prominenten Fahrer, die für Ferrari antraten. der 340 Mexico (0226 AT) mit der Startnummer 14 wurde pilotiert von Alberto Ascari (der gerade Formel-1-Weltmeister geworden war, und diesen Erfolg 1953 noch einmal wiederholen sollte) und Giuseppe Scotuzzi, der 340 Mexico (0222 AT) mit der Startnummer 16 war mit Luigi Villoresi/Nino Cassani besetzt.

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Und der 340 Mexico (0224 AT) mit der Startnummer 20 wurde von Vorjahressieger Luigi Chinetti sowie Jean Lucas bewegt. Es gab aber noch eine ganze Menge weiterer Ferrari, etwa ein 340 America (0142 AL), eine sehr hübsche Barchetta mit Ghia-Karosse, die von Jack sowie Ernie McAfee gefahren wurde, die beiden 212 Inter (1952 aber als 212 Export gemeldet), die im Jahr zuvor den Doppelsieg geschafft hatten, ein 250 S (0156 ET) mit dem schnellen Giovanni Bracco am Steuer, ein weiterer 212 Export (0131 E), den Phil Hill pilotierte.

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Ascari legte auch gleich mal los wie eine Furie, hatte nach 80 Kilometern schon neun Konkurrenten überholt – und warf seinen 340 Mexico dann in einen Abgrund. Villoresi gewann die 2., 3. und 4. Etappe, schaffte es immerhin bis zum dritten Tag, dann war auch der zweite 340 Mexico weg. Der dritte 340 Mexico von Chinetti schaffte es auf keiner einzigen der acht Etappen auf den ersten Rang, am Schluss wurde 0224 AT – genau das Fahrzeug, das auf den Bildern hier zu sehen ist – Dritter, hinter den zwei Benzen von Kling/Klenk und Lang/Grupp, mit sehr deutlichem Rückstand. Eigentlich hätte es nicht einmal fürs Podium gereicht, aber der dritte 300 SL war disqualifiziert worden, weil ein Mechaniker den Wagen unvorsichtigerweise berührt hatte, ausserhalb des «parc fermée». Wie eingangs erwähnt: dieser Ferrari ist ein Verlierer.

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Zur Ehrenrettung muss aber auch erzählt sein, wie Mercedes seine Gegner in Grund und Boden fuhr. Die Deutschen hatten die «Carrera» generalstabsmässig geplant, waren die Strecke anscheinend mehrfach abgefahren – und Hans Klenk war der erste Beifahrer, der seinem Piloten eine Art «Roadbook» vorlas. Kling/Klenk konnte nicht einmal ein Geier bremsen, der bereits auf der ersten Etappe in die Frontscheibe einschlug und Klenk ziemlich heftig verletzte. Mercedes montierte danach acht Querstreben vor die Frontscheibe des Flügeltürers, was zwar nicht besonders schön aussah, aber die Geier anscheinend nachhaltig abschreckte.

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Rein von den Fahrleistungen her hätten die Benzen keine Chance haben dürfen gegen die Ferrari 340 Mexico. Die 3-Liter-Sechszylinder der Mercedes kamen 1952 auf etwa 175 PS, die 4,1-Liter-V12 der Ferrari auf etwa 280 Pferde. Aber aerodynamisch waren die deutschen Produkte um Welten besser, und leichter waren sie auch, und das war in einer Zeit, als die Rennwagen noch mit Trommelbremsen ausgestattet waren, ein grosser Vorteil.

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Den V12 des 340er hatte Aurelio Lampredi konstruiert. Erstmals eingebaut war dieser 4,1-Liter (Bohrung x Hub: 70 x 68 mm) in den 340 America, der Ende 1950 auf dem Salon in Paris vorgestellt worden war; der Name war eine klare Andeutung darauf, wo diese grossen Wagen verkauft werden sollten. Die America schafften etwa 220 PS, mit drei Weber-Doppelvergasern. Insgesamt 25 340 America wurden gebaut, fünf Coupés von Ghia, zwei weitere Coupés und sieben Barchettas von Touring, dann noch fünf Coupés, fünf Spider und ein Cabrio von Vignale. Die drei Coupé vom 340 Mexico wurden von Vignale eingekleidet, die eine Barchetta von Ghia. Und Erfolg hatte der 340 dann doch noch, aber erst 1953, als 340 MM mit etwa 300 PS gewann er die Mille Miglia, mit Marzotta/Crosara.

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Chinetti, unterdessen zum Ferrari-Importeur in den USA ernannt, kaufte 0224 AT trotzdem, und setzte ihn 1953 bei der Mille Miglia ein. Doch Castellotti/Regosa brachten den Wagen nicht bis ins Ziel, und auch bei den 12 Stunden von Reims sowie dem 12-Stunden in Pescara (Coppa Acerbo) gewann dieser 340 Mexico nichts, aber auch gar nichts. Er bestritt – natürlich erfolglos – noch ein paar weitere kleinere Rennen, bis ihm 1955 ein Strafverteidiger namens Bill Galvin für lächerliche 3500 Dollar kaufte – und seiner Frau schenkte. Viel Freude schien sie an diesem Geschenk aber nicht gehabt zu haben, schon wenige Monate später wurde 0224 AT weiter verkauft, und gleiches geschah ihm in den nächsten Jahren noch öfter.

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Der Ferrari 340 Mexico mit der Chassisnummer 0224 AT wurde zuletzt am 12. März 2011 von RM Auctions auf Amelia Island versteigert. Der Schätzpreis lag bei 2’750’000 bis 3’500’000 Dollar – ganz schön viel Moos für einen «echten» Verlierer. Der Zuschlag erfolgte bei 4,29 Millionen Dollar… Es könnte sein, dass dieser Wagen bald wieder auf einer Auktion auftaucht, die Zeit ist gut für Ferrari mit Renngeschichte, auch wenn sie keine stolze ist.

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Mehr Ferrari haben wir in unserem Archiv.

Der Beitrag Ferrari 340 Mexico erschien zuerst auf radicalmag.