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McLaren McL 6GT

Published in radical-mag.com

Zu Ende bringen

Es gibt in dieser Branche ein Ritual, das man langsam als eigenes Genre bezeichnen müsste: der Hersteller gräbt ein nie realisiertes Projekt seines Gründers aus, staubt es symbolisch ab und verkauft es sechzig Jahre später als «Erfüllung eines Traums». Jetzt macht es auch McLaren, mit einer Ernsthaftigkeit, die man fast bewundern müsste, wäre da nicht dieses leise Gefühl, schon zu wissen, na, Sie wissen schon.

Er klingt dann auch fast genauso: gross, bedeutungsschwer, mit einem CEO, der von «woven through every element» spricht. Konkret geht es um den McLaren McL 6GT, ein Showcar, das McLaren an der Monterey Car Week gezeigt hat und das sich explizit auf den M6GT beruft – jenes Strassenauto, das Bruce McLaren selbst nie zu Ende bringen konnte. Das ist, man muss es so sagen, eine ziemlich mächtige Geschichte, um sie einem Concept Car umzuhängen. McLaren tut es trotzdem, über den heutigen Chef Nick Collins, der den Wagen als das beschreibt, «was unser inspirierender Gründer hatte vollenden wollen, angereichert mit sechzig weiteren Jahren Innovation».

Man kann diesen Satz zynisch lesen. Man kann ihn aber auch einfach nehmen, was er ist: der vage Versuch eines Herstellers, der gerade keine besonders guten Zahlen zu verkaufen hat. Und selbst beim Showcar noch keine verkaufen kann. Kein Leistungswert, kein Gewicht, kein Preis, nicht einmal ein Hubraum – nur V8, Handschaltung und ein Versprechen, dass 2028 das Serienauto steht.

Immerhin: Wer sich das PR-Vokabular wegdenkt, bleibt tatsächlich mit einem interessanten Auto zurück. McLaren baut zum ersten Mal seit dem F1 von 1992 wieder ein Handschaltgetriebe in ein eigenes Auto. Gut, Gordon Murray hat es vorgemacht, einige Kleinstserienhersteller sind gefolgt. Zeitenfeilen ist das Eine, Genuss etwas ganz anderes. Und warum sollte ein Hypercar nicht auch einfach nur zur Freude da sein?

Optisch bedient sich der McL 6GT ungeniert bei seinem Namensvetter: tief, breit, mit flacher Nase und einem Kammheck, das die Proportionen des M6A-Can-Am-Rennwagens zitiert, auf dem der ursprüngliche M6GT einst basierte. Das Dach fliesst ohne sichtbaren Bruch in Heckdeckel und Motorhaube über, die Kabine wirkt eher in die Karosserie eingelassen als draufgesetzt – eine Formensprache, die man sonst eher aus den Sechzigern kennt als aus aktuellen Concept-Car-Studios. Dazu kommen die Souvenirs: ein «Racing Loop» als Anspielung auf die alten Rücklichter, das originale Nummernschild von Bruce McLarens M6GT als Ton-in-Ton-Grafik, seine Signatur im Motorraum, ein Speedy-Kiwi-Logo, das in den Tankdeckel eingraviert und zusätzlich dreidimensional in den Schaltknauf gesetzt wurde. Das ist entweder liebevoll oder überzeichnet, je nachdem, wie viel Nostalgie man an einem Auto verträgt.

Karbon gibt es reichlich – Monocoque und Karosserie bestehen komplett aus dem feinen Material. Sichtkarbon im Innenraum soll an den originalen M6GT erinnern. Wie viel davon technisch notwendig und wie viel nur für die Stimmungist, lässt sich von aussen nicht beurteilen.

Bleibt die eigentliche Frage: Braucht es das? McLaren selbst sagt ja und zwar nicht als Ersatz für die bestehende Modellpalette, sondern als etwas Neues obendrauf – ein exklusiveres Segment jenseits des heutigen Portfolios, mit einer Serienversion, die 2028 kommen soll. Ob daraus tatsächlich ein Auto wird, das die Handschaltung und die Emotionalität einlöst, die der McL 6GT verspricht, oder ob am Ende doch wieder ein Doppelkupplungsgetriebe und ein Preisschild mit sehr vielen Nullen dazwischenfunken – das lässt sich in zwei Jahren nachprüfen. Bis dahin bleibt: ein hübsches Showcar und eine Gründervision, die man sich fünfzig Jahre später zurückholt. Zumindest steht das so auf dem Papier.

Mehr zu McLarens Firmengeschichte und den Umwegen von Bruce McLarens unvollendeten Projekten findet sich im radical-Archiv.

Der Beitrag McLaren McL 6GT erschien zuerst auf radicalmag.