Open Menu
Open Menu
 ::

Bentley 3-Litre (1919)

Published in radical-mag.com

Die Ersten

Gut Ding, heisst es, will Weile haben. Auch der 3-Litre, der erste Bentley überhaupt, brauchte etwas Zeit, bevor er auf den Markt kam. Walter Owen und sein Bruder Horace Millner Bentley hatten Bentley Motors Limited am 18. Januar 1919 gegründet, an jenem Tag, als in Paris die Friedenskonferrenz zur Beendigung des 1. Weltkriegs begann; registriert wurde die Bentley Motors Ltd. dann im August des gleichen Jahres. Und schon im Oktober stand auf der London Motor Show auf Stand 126 das erste Produkt der noch jungen Marke. Bloss: es hatte noch keinen Motor.

Die Gebrüder Bentley hatten vor dem 1. Weltkrieg Fahrzeuge der französischen Marke Doriot, Flandrin & Parant (DFP) nach England importiert. W.O. Bentley war höchst unzufrieden mit diesen Produkten, lernte aber in jenen Jahren viel über den Umgang mit Aluminium. Als Offizier des Royal Nval Air Service schlug Bentley 1915 vor, einen Mercedes-Benz-Rennwagen, der kurz vor Kriegsausbruch in London ausgestellt worden war, zu konfiszieren – und zu demontieren, um seine Konstruktion analysieren zu können. Der Motor des Benz, M93654, verfügte über einen Motorblock aus einem Guss und eine Ventilsteuerung aus Aluminium – zwei Konstruktionsmerkmale, die den Bentley-3-Liter-Vierzylinder ebenfalls zu einer aussergewöhnlichen Maschine machen sollten.

Mit der Konstruktion des neuen Motors beauftragte W.O. Bentley seinen Freund Clive Gallop. Und was da entstand ab 1919, sollte eines der fortschrittlichsten Aggregate jener Jahre werden, vier Zylinder, 180 cubic inch Hubraum (also: 3 Liter), Doppelvergaser, vier Ventile pro Zylinder, zwei Zündkerzen für jeden Zylinder, obenliegende Nockenwelle, Trockensumpfschmierung, manuelles 4-Gang-Getriebe. Die grössten technischen Schwierigkeiten bereitete Gallop die Fertigung des Monobloc-Motorblocks aus Grauguss mit der Anpassung der Aluminium-Kolben – das Projekt verspätete sich deshalb um mehr als zwei Jahre. Dafür gab es dann gleich drei Leistungsversionen: das Standard-Model, Blue Label, kam auf 70 PS und war etwa 80 Meilen schnell, der Red Label kam mit höherer Verdichtung (5,3:1 anstatt 4,3:1) dann schon auf 90 Meilen (und hatte trotzdem noch fünf Jahre Garantie, wie der Blue Label). Der Green Label war selten, über 100 Meilen schnell und verfügte über eine Verdichtung von 6,3:1 sowie nur noch über 12 Monate Garantie, doch diese Variante war auch als reiner Rennwagen gedacht.

Das Chassis war eine Weiterentwicklung eines Humber-Fahrgestells, verantwortlich dafür zeichneten Frederick Tasker Burgess (der früher Chedesigner bei Humber gewesen war) und Harry Varley, der von Vauxhall kam. Erhältlich war der Bentley 3-Litre mit drei unterschiedlichen Radständen, 108 inch, 117,5 inch und 130 inch. Wie damals üblich, verkaufte Bentley keine fertigen Fahrzeuge, sondern nur «rolling chassis» – für die Aufbauten empfahl man ab Werk Vanden Plas. Bis 1929 wurden insgesamt 1622 dieser Chassis gebaut, drei davon als Experimental, 1088 als Blue Label, 513 als Red Label und nur gerade 18 als Green Label.

Das erste Fahrzeug trug, was nicht weiter erstaunt, die Chassisnummer EXP1; die Motorenummer war aber 17. Dieses Fahrzeug wurde schon 1919 gebaut, damals noch in einem Hinterhof in der Londoner Baker Street, erhielt einen Aufbau von Harrisons und diente als Testwagen mit dem Kontrollschild BM 8287; man darf davon ausgehen, dass manche Teile später für EXP2 verwendet wurden. Dieser zweite Prototyp existiert heute noch und ist im Besitz von Bentley Motors, wobei gewisse und sicher nicht unberechtigte Zweifel darüber bestehen dürfen, dass noch viel original ist an diesem Fahrzeug. Mehr Vorkriegs-Klassiker haben wir im Archiv.

Der Beitrag Bentley 3-Litre (1919) erschien zuerst auf radicalmag.