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Kraft braucht Geist, Fahrbericht VW Golf LS, 1976-1630

Published in radical-classics.com

Fahrbericht VW Golf LS, 1976


Manchmal, wenn wir so ein älteres Fahrzeug bewegen, dann fragen wir uns schon: hat sich all der Fortschritt wirklich gelohnt? Braucht der Mensch Assistenz-Systeme, die das Gefährt in der Spur halten oder selber einparken? Müssen wir wirklich so genannt kompakte Fahrzeuge durch die Gegend chauffieren, die 1,5 Tonnen wiegen? Was bringen beheizbare Cup-Holder? Was bringt den Fahrspass - 500+ nur noch über die Elektronik kontrollierbare PS? 50 Seiten lange Aufpreislisten? 2,4 Kilo schwere Gebrauchsanweisungen (wie kürzlich im Lexus GS450h gesehen)?

Das Vergnügen heisst: VW Golf LS, Jahrgang 1975, in der LS-Version, also 1588 ccm, 75 PS, maximales Drehmoment 119 Nm bei 3200/min, vier Vorwärtsgänge. Er braucht gemäss Werksangaben 12 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h und schafft 162 km/h Spitze. Davon waren wir weit entfernt, mehr als 120 km/h gaben wir ihm auf unserer 2500 Kilometer langen Ausfahrt nie (das sind dann ziemlich genau 4000/min), und die 12 Sekunden für den Sprint erscheinen uns auch sehr optimistisch. Unser Exemplar stammt aus der wunderbaren Sammlung des Schweizer VW-Importeurs AMAG, aussen lofotengrün, innen orange mit beigem Kunstleder - und hat knapp mehr als 20'000 Kilometer. Zustand: herrlich. Der Wert ist schwierig zu schätzen, denn viele Golf der ersten Generation in richtig gutem Zustand gibt es unterdessen nicht mehr, aber so mit etwa 5000 Franken ist man dabei.

Bewegt haben wir ihn am RAID Suisse-Paris, der von Basel auf verschlungenen Wegen in die Nähe von Paris führte. Wunderbare Gassen durch französische Landschaften, fast nur Nebenstrassen, kaum Verkehr, keine flics (auf jeden Fall keine, die wir gesehen haben), alles schön flach, manchmal sehr kurvig (am schönsten: in der Gegend von Chevrey-Chambertin, im Burgund). Viel freies Geläuf, wie man es halt gerne hat, wenn der rechte Fuss etwas schwer wiegt. Nein, keine Servolenkung, aber gemäss Fahrzeug-Ausweis auch nur 805 Kilo Leergewicht.Fahrbericht VW Golf I.

Die ganz klassische Form.

Fahrbericht VW Golf I.

Die von Jahr zu Jahr besser wird.

Und genau das macht viel aus am Fahrspass, den wir hatten. Die 75 PS reichen gut aus, um den Golf anständig zu beschleunigen, das Drehmoment ist dort, wo man es braucht, also nicht zuunterst im Keller und auch nicht in den höchsten Tönen. Selbstverständlich knallt es uns nicht gerade in den Sitz, aber das ist ja auch nicht nötig - schnell weg vom Rotlicht ist nicht gefragt, weil wir kaum je ein Rotlicht sehen. Die Schaltung ist hakelig, die Wege lang, doch das ist egal, man hat nur vier Gänge, da hat man auch Zeit, sich mit diesen zu beschäftigen. Und die langen Schaltwege haben eben auch etwas Gutes: man weiss immer, wo man ist. Was überhaupt für das ganze Automobil gilt: die Bedienungsfreundlichkeit schon der ersten Golf-Generation ist vorbildlich, dieser Wagen gibt keine Rätsel auf, man findet auf Anhieb Licht und Scheibenwischer und sogar die Hupe. Kein Wunder, dass sich dieses Fahrzeug als Benchmark für alles, was nach ihm kam, durchgesetzt hat, die Logik ist kaum zu übertreffen.
Fahrbericht VW Golf I.

Die ganz klassische Form.

Fahrbericht VW Golf I.

Die von Jahr zu Jahr besser wird.

Fahrbericht VW Golf I.
Fahrbericht VW Golf I.
Fahrbericht VW Golf I.
Und auch das Fahrverhalten ist vorbildlich. Der erste Golg verfügt vorne über klassische McPherson-Federbeine und Querlenker, hinten über eine Verbundlenker-Achse, die in den 70er Jahren eine kleine Sensation war, geringer konstruktiver Aufwand, geringe Herstellungskosten, aber halt genau das, was es brauchte, um so einen Golf gut auf der Strasse zu halten. Ohja, es ist eine wilde Seitenneigung, die unser Wagen in flott durchfahrenen Kurven zeigt, mehr als einmal spüren wir auch, dass wir nur noch auf drei Rädern unterwegs sind, weil das kurveninnere Hinterrad abhebt. Ohja, das Quietschen der vorderen Reifen ist manchmal grob, es fühlt sich am Lenkrad hin und wieder an, als ob sich jetzt dann gleich die Gummis von den Felgen schälen. Doch wenn man, wie man es gelernt hat, den Wagen vor der Kurve sauber stabilisiert, dann eine saubere Linie fährt, schön auf Zug, dann ist der Golf sehr dankbar, hält und hält und hält - ein moderner Fronttriebler hätte bei diesen Kurvengeschwindigkeiten längst begonnen, über die vorderen Räder wegzuschieben. Das heisst dann: Sicherheit. Kaum mehr Seitenneigung gibt es heute (das gilt als unsportlich), dafür jede Menge Untersteuern. Wo da genau der automobile Fortschritt ist, das ist uns ein Rätsel - und es ist ja nicht so, dass wir durch die Gegend geschlichen wären, ganz im Gegenteil. Und von anderen Wagen, modernen, wurden wir genau dann überholt, wenn wir uns auf die 120 km/h beschränkten, also auf dem Rückweg von Paris auf der Autobahn.... (stimmt nicht, einmal hat uns ein Triumph TR4 geschnappt, aber da hatten wir einfach beim Herausbeschleunigen keine Chance).

Einverstanden: moderne Bremsen sind eindeutig besser. Viel, viel besser. Aber auch hier: wahrscheinlich haben die Trommeln hin und wieder geglüht, vor allem in längeren Bergab-Passagen. Doch es ist halt auch so: wer bremst, verliert. Und wer vorausschauend fährt, der muss nicht so viel bremsen. Und ausserdem hat man ja auch noch ein Getriebe, kann mit Zwischengas herunterschalten, die Bremswirkung des Motors nutzen.
Fahrbericht VW Golf I.

Die ganz klassische Form.

Das bedeutet ein wenig Arbeit, vielleicht sieht man dann auch nicht mehr alle landschaftlichen Schönheiten, doch es macht halt: Freud'. Wer einen neuen 911er oder nur schon einen Ford Focus ST so einigermassen am Limit bewegen will, der muss auf die Rennstrecke - mit so einem Golf I kann man auf den richtigen Gassen gnadenlos am Limit fahren und muss trotzdem nicht befürchten, den Lappen lebenslänglich abgeben zu müssen, weil so ein uniformierter Freund am falschen Ort helfen mag.

Eingebremst hat uns einzig - die Technik. Ein so genanntes Pfennig-Teil. Am Abend nach der ersten Etappe von Basel nach Besançon blieb uns das Gas hängen. Hatten wir das Gefühl. Doch ein Blick unter die Motorhaube zeigte das Problem rasch auf: die Drosselklappen-Feder war - hinüber. Ein Teil hing da noch, der zweite war schlicht und einfach abgebrochen. Der beste Mechaniker der Welt, mein werter Geschäftspartner Markus, fuhr mitten in der Nacht nach Besançon, brachte ein neues Teil mit, montierte es. Doch leider war wohl die Stahlqualität nicht besonders gut bei diesem in aller Eile organisierten Ersatzteil, denn so etwa alle 100 Kilometer machte es sich selbständig, wurde immer länger, musste neu justiert werden, brach dann auch ab. Immerhin lernten wir so ein paar nette Franzosen sowie einige neue französische Worte kennen, Zange («la pince»), Feder (technisch: «le ressort»), biegen («courber»). Auch hatten wir uns in irgendeiner Land-Garage noch ein zweites Stück besorgt, ausserdem erhielten wir vom offiziellen Pannendienst des RAID Suisse-Paris (danke, Jungs!) noch so ein Ding, und so schafften wir die ganze Strecke. Mit etwas mehr Zwischenstopps als geplant, doch das gehört dazu, wenn man einen älteren Wagen bewegt.

Verbrauch: etwa 11 Liter. Nicht so schlecht, wenn man bedenkt, dass wir den Golf quasi im binären System bewegten: Vollgas oder gar nix. Ich möchte nicht wissen, was ein Astra OPC oder sonst so ein überpotenter Kompakter bei dieser Fahrweise weggesoffen hätte. Auch dies: kein Fortschritt.

Wir bedanken uns herzlich bei der AMAG, die uns diesen wunderbaren Wagen zur Verfügung gestellt hat.

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Mehr VW gibt es im Archiv.


 

Original: radical

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