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Mercedes-Benz SL: Sternenkunde mit Jürgen Weissinger

Published in Chromjuwelen En Route

Anfang des Jahres waren wir Gast von Mercedes-Benz bei der Vorstellung des aktuellen SL-Modells in Detroit auf der NAIAS 2012. Mercedes-Benz nutzte die amerikanische Autoshow, um in bester Gesellschaft seinen jüngsten Stammhalter zu präsentieren. Wir haben zusammen mit Jan Gleitsmann und Robert Basic die bloggenden Auto-Medien vertreten.

Anfang des Jahres waren wir Gast von Mercedes-Benz bei der Vorstellung des aktuellen SL-Modells in Detroit auf der NAIAS 2012. Mercedes-Benz nutzte die amerikanische Autoshow, um in bester Gesellschaft seinen jüngsten Stammhalter zu präsentieren. Wir haben zusammen mit Jan Gleitsmann und Robert Basic die bloggenden Auto-Medien vertreten.

Jetzt liegen unsere Stärken nicht unbedingt in der Beurteilung aktueller Baureihen und dem Ausformulieren der passenden Superlative. Das überlassen wir gerne anderen. Es sei denn, die neuen Modelle fußen auf einer Tradition und haben einen Stammbaum. “Motorkultur” nennen wir das. Und hier schließt sich der Kreis – denn der Mercedes-Benz SL steht für Motorkultur par excellance. Der SL ist eine Ikone. Und damit genau unser Beuteraster.

Wie der Zufall es so wollte, gesellte sich beim Abendessen in Detroit Jürgen Weissinger zu uns. Und als wir erfuhren, was Jürgen Weissinger so macht, mussten wir ihn einfach höflich vor die Wahl stellen: Entweder möge er sich doch lieber einen ruhigeren Platz suchen – oder wir würden nicht aufhören, ihm Löcher in den Bauch zu fragen.

Jürgen Weissinger blieb. Und drei (Menü-)Gänge weiter wussten wir, dass wir mehr Zeit zusammen brauchen würden. Mehr Zeit, um zu lernen, wie es eigentlich so ist, ein solch anspruchsvolles Erbe zu verwalten. Denn Jürgen Weissinger ist einer der Hauptverantwortlichen hinter der SL-Entwicklung. Und auch, wenn er die Verantwortung nicht alleine trägt, so lässt sich doch erahnen, dass bei solchen Projekten die Luft dünn wird. Mal ganz davon abgesehen, welchem Presserummel sich Jürgen Weissinger gerade stellt.

Mitten rein ins Erlkönigjägerparadies

Ein paar Wochen später holt uns in Stuttgart ein Auto ab, dass es im Handel so nie gab. Und nie geben wird. Es chauffiert uns auf ein Gelände, auf dem nur Fahrzeuge unterwegs sind, die wir gar nicht hätten sehen dürfen. Wären wir Erlkönigjäger, dann wären wir jetzt im siebten Himmel. Sind wir aber nicht, mal ganz davon abgesehen, dass wir das Vertrauen zu sehr schätzen, als dass wir es mit einem unüberlegten Instagram-Schuss strapazieren würden.

Jürgen Weissinger (52) hat sich Zeit genommen und empfängt uns in seinem Büro. Vielleicht sollten wir – um die Stimmung besser zu beschreiben – erklären, dass sich Jürgen Weissinger mit uns in ein ähnlich ungewohntes Fahrwasser begibt, wie wir es mit ihm tun. Denn im Gegensatz zu unseren medienmachenden Mitstreitern fragen wir keine technischen Details ab, um sie im Anschluss in einen Vergleichstest zu kippen. Uns interessiert, wer dieser Jürgen Weissinger ist, und wie es so ist, ein solches Kulturerbe wie den SL zu pflegen.

Einem Fahrzeug wie dem Mercedes-Benz SL ist durch seinen Stammbaum in die Wiege gelegt worden, dass er sofort die unterschiedlichsten Vorurteile provoziert. Auch wir sind nicht frei davon, um ehrlich zu sein. “Zu spießig, zu sehr Statussymbol – eher für eine grauschläfige Käuferschaft.” Auffällig ist aber, dass Jürgen Weissinger, der mit 24 Jahren über den zweiten Bildungsweg bei Mercedes-Benz gelandet ist, diese Vorurteile sofort alle entkräftet. Denn seine Bescheidenheit, die er immer wieder mit einer einfachen Aussage betont, lässt wenig Platz dafür: “Denkt euch den Stern weg. Das, was dann übrig bleibt, zählt.” Damit sind sowohl Autos, als auch die Verantwortlichen dahinter gemeint.

Hinter jedem Chromjuwel steckt ein Mensch

Es ist die Begeisterung für die zahlreichen technischen Details und Finessen (die wir später auch noch auf der hauseigenen Einfahrstrecke erleben werden), die immer wieder durchblitzt. Und wenn man bedenkt, dass die SL Serienentwicklungsphase schon 2007 auf Basis des Konzepthefts gestartet ist, dann sei hier auch eine Portion Stolz erlaubt. Schließlich ist der Mercedes-Benz SL ein Meisterstück des German Engineering. Vorurteil hin oder her.

Jürgen Weissinger erzählt uns, dass seine erste Station beim Daimler die “Vorentwicklung Gesamtfahrzeuge” war, damals unter der Führung von Dr. Hans Liebold (Mercedes-Benz C111). Wir lernen, dass die “Vorentwicklung Gesamtfahrzeuge” unter anderem solche Dinge macht, wie Fahrwerke zu entwickeln. Dazu zeigt uns Jürgen Weissinger Fotos einer S-Klasse, die mehr nach einem großen Steckspielzeug aussieht – denn sowohl der Vorderwagen, als auch das Heck können schnell getauscht werden. Und somit auch das Fahrwerk. Jürgen Weissingers Aufgabe damals: zusammen mit fünf Monteuren das optimale Fahrwerk zu entwickeln. Und immer wieder zu testen. Solange, bis die für die S-Klasse typische Fahrkultur erreicht ist.

Nach der Fahrwerksentwicklung stand auf Weissingers Dienstplan ein Projekt namens Vision A Concept. Das “Stadtauto” (Premiere 1993, IAA) war der Vorläufer der 1997 eingeführten A-Klasse – damals neben dem Verbrenner auch als Elektroauto konzipiert. Danach folgte das Projekt “FCC” (Family Car China, 1994) und dann das Forschungsfahrzeug “F 200 Imagination” (1996, Paris Motor Show).

Luxus Hot Rod Exelero

Die dann anstehende Aufgabe, Maybach als “Abteilungsleiter Versuch” zu verantworten, “war eine tolle Aufgabe”, erinnert sich Jürgen Weissinger. “Maybach war wie ein großes, weißes Blatt Papier”. Mit dem Maybach (1997, Tokyo Motor Show) lernt Jürgen Weissinger, was es bedeutet, anspruchsvollsten Kundenwünschen auf höchstem Niveau gerecht zu werden. Wer dabei nur an die würdevolle Luxus-Limousine Maybach denkt, der denkt zu kurz. Und vergisst das Hochgeschwindigkeits-Monster Maybach Exelero, mit dem der mehrfache DTM-Meister Klaus Ludwig am 1. Mai 2005 in Nardò die 350 Stundenkilometer-Marke durchbricht (351,45 km/h). Um an dieser Stelle in unserer Sprache zu bleiben: Ein Hot Rod auf höchstem Niveau, mit Jürgen Weissinger als Leiter der Entwicklung.

Zeitgleich zu den Aufgaben bei Maybach begleitet Jürgen Weissinger damals die Entwicklung des Mercedes-Benz SLR. Dem Supersportler mit den Genen des Uhlenhaut-Coupés folgte der kleine Bruder Mercedes-Benz SLK.

Zum Erfolg verdammt

Zurück zur Frage, die uns bereits in Detroit bewegte und schließlich nach Stuttgart brachte: Wie ist es denn nun ein solch gewaltiges Erbe zu verwalten wie das des Mercedes-Benz SL? “Sicher, man ist zum Erfolg verdammt”, weiß Jürgen Weissinger. “Aber durch den SLK, der ebenfalls auf einem weißen Blatt Papier entstanden ist, konnten wir viele Erfahrungen sammeln.”

Wir glauben eher, dass es an dem beeindruckenden Lebenslauf liegt, dass man manches an dieser Herausforderung entspannter sehen kann.

Dann erklärt uns Jürgen Weissinger, wo die gravierenden Unterschiede zum SL-Vorgängermodell liegen. Und welche Rückschläge es durch welche Auflagen gab. Und wie die Lösungen aussehen. “Der Ansporn, die beste Lösung zu finden, überwiegt immer”, fasst Jürgen Weissinger zusammen. Es ist auch dieser Ansporn, der sich immer wieder in dem zeigt, was Jürgen Weissinger uns präsentiert. Sei es die intelligent verbaute Musikanlage, sei es die Katzen-sichere Koffferraumklappe, die sich mit einem Fußwischer öffnen lässt. Katzen-sicher deswegen, weil der Sensor auf eine bestimmte Bewegung geeicht ist – und nicht jedes Tier, das unter einem geparkten Fahrzeug langläuft, die Deckel aufspringen lässt.

Eine Sache wollen wir aber noch wissen: Was fährt Jürgen Weissinger eigentlich privat? “Ich habe kein Auto,” kriegen wir als Antwort. Dann lacht Jürgen Weissinger und schickt hinterher: “Dafür habe ich aber eine eigene Garage voll mit Testfahrzeugen! Und ich fahre gerne und viel. Denn Autofahren ist wie Entspannung für mich. Auch, wenn das Ohr immer mitfährt”.

Dann drückt er aufs Gas und katapultiert uns über die Einfahrbahn von Mercedes-Benz. Der Mann kennt hier jeden Winkel. Und mehr noch: Er weiß ganz genau, was der Wagen kann. Denn er hat ihn “gebaut”.

So betreibt Mercedes-Benz Ahnenpflege.

 

 

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