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Liebe Autoindustrie, Ihr habt mich als Neuwagenkunden verloren.

Published in Business

— To my English readers: I am sorry, I will keep this one in German. Maybe I'll translate it later. —

Angefangen hat alles mit der Suche nach einem neuen Familienauto. Meine naive Vorstellung: Vier Türen, Klima (sonst wird man wahnsinnig mit dem randalierenden Nachwuchs) und ein halbwegs modernes Sicherheitspaket. Soll heißen: Gurte hinten, Kopfstützen, eventuell Airbags und ABS. Aber ansonsten bitte so wenig wie möglich Computerzeugs. Weder brauche ich einen Regensensor, noch einen Fahr- oder Was-Auch-Immer-Assistenten. Diese Dinge mitsamt ihren monströsen Steuercomputern sind sowieso schon in ein paar Jahren von niemanden mehr zu debuggen.

Eigentlich also eine einfache und kurzweilige Aufgabe. Sollte man meinen. Vielleicht, um das Bild abzurunden, noch ein paar weitere Details. Ich vermeide gerne Plastikessen und jeglichen Konsummüll, der in vietnamesischen Steuersparparadiesen produziert wird. Naomi Klein ("No Logo") hat übrigens Schuld daran. Soll heissen: Kein Sweatshirt aus einem Sweatshop, keine Erdbeeren im norddeutschen Winter, kein unnötiger Online-Kaufrausch (inklusive DHL-Retour-Amoklauf). An meinen Arbeitsgeräten, bei deren Produktion die Fabrikarbeiter aufgrund der widrigen Arbeitsbedingungen nicht selten lieber den Freitod wählen (Stichwort "Foxconn Electronics Inc."), komme ich aktuell nicht vorbei. Noch nicht. Aber das ist nur eine Frage der Zeit.

Ich wohne zentral und fahre überschaubare Strecken – insofern ist der Verbrauch zwar interessant, aber mehr auch nicht. Schlachtentscheidend hingegen sind viel mehr Dinge wie der "ökologische Rucksack" (Gesamtbillanz Herstellungsprozeß) und der Anspruch, dass man notfalls nochmals selber Hand angelegen kann (siehe Self-Repair Manifesto). Denn: "Plastic cars are for plastic people." Und: "Life is too short for ... er ... any kind of bullshit." 

 

Ich bin raus.

Also besuchte ich den modernen Autohandel und habe mich bewusst auf die andere Seite gestellt – also auf die des Kunden (für den ich auch mitunter Medien mache, damit er ein Auto kauft). Das Ergbnis war ernüchternd. Wer zur Hölle braucht eigentlich all' diese seelenlosen Peoplemover, die dadurch auffallen, dass sie nicht auffallen? Die alle krampfhaft versuchen, ihre Belanglosigkeit mit Techniküberfrachtung zu kaschieren? Ich zumindest nicht. Ich bin raus.

Ich habe mich erschrocken, wie viele Modelle ich noch nicht einmal auf dem Schirm hatte. Sicher, jetzt habe ich meine Wurzeln auch eher im Bereich der klassischen Automobile – aber dennoch bin ich potentieller Kunde. Nur, dass mich die lustigen, neuen Automodelle und deren Reklame anscheinend schon lange nicht mehr erreichen. Und überhaupt: "iFuel-Eco-Blue-Turbo-Move-Efficiency"? Wer denkt sich nur so einen Quatsch aus! Anscheinendend Menschen, die auf einem anderen Planeten leben, als ich es tue. Und die kein Interesse daran haben, jemals wieder andere (und vielleicht jüngere) Zielgruppen als ihresgleichen zu erreichen.

Kurzum: Die zu Tode diversifizierten Modellpaletten und die Inflation der gesichtlosen Cross-Over-Modelle schrecken mich ab. Liebe Autoindustrie: Das alltägliche Leben ist schon kompliziert genug. Warum macht Ihr es mir so schwer? Ich befürchte, Ihr habt mich verloren. Zumindest, wenn es um den Bereich der einfachen Brot-und-Butter-Autos geht.

 

Neuwagenkäufer und Automedien im Schnitt: 50+

Man mag es ja der Autoindustrie nicht verübeln. Schließlich erfordern internationale Expansionen, das bei Laune halten der Shareholder, der weltweite Verkauf neuer Modellserien und Themen wie Eigenzulassungen vollste Konzentration. Und was spielen da schon Meinungen einzelner Querulanten (wie mir), die weder in einem Boom-Land wie China zuhause sind, noch dem Alter der Zielgruppe der typischen Automedienleser und Neuwagen-Erstkäufer (50+!) entsprechen, für eine Rolle. Ungemütlich wird es nur, wenn mehr und mehr Leute so denken. Und ich persönlich kenne eine ganze Menge, die das tun. Darunter übrigens nicht wenige Experten, die den Automotive Markt in- und auswendig kennen.

Sei es drum. Es gibt zum Glück heute genügend alltagstaugliche Klassiker, sodass ich beruhigt auf einen modernen Assistenzbomber verzichten kann. Der Markt wird es locker verschmerzen und (viel wichtiger) die Ökobilanz freut sich. Bleibt nur zu hoffen, dass in Zukunft doch mal ein Unternehmen – vielleicht sogar aus einem Non-Automotive-Bereich (Google? Apple? Tesla?) – um die Ecke kommt. Mit Produkten, die meinen einfachen Wünschen entsprechen. Und denen ich eher vertraue.

 

Aber – was kauf' ich jetzt?

Ich denke, es wird wohl auf ein 70er-80er Luxusmodell mit einem Stern auf der Haube hinauslaufen. Oder auf einen Vintage-SUV (nein, keinen modernen MILF-Laster) wie zum Beispiel einem G-Modell oder einem Land Rover Defender.

Ins ökologische Beuteraster passen würde übrigens laut seiner Fakten auch ein Jeep Wrangler. Denn schenkt man diesem Artikel Glauben, dann weist der Jeep TJ Wrangler den besten Ökowert aus. Zumindest im Vergleich mit Hybrid-Modellen.

Schon amüsant: "[...] But you could also serve the environment better by choosing a Hummer H2 ($3.027) or H3 ($1.949), a Cadillac Escalade ($2.753), a Lincoln Navigator ($2.617), a Dodge Ram ($2.484), or pretty much anything else for less than an Accord Hybrid ($3.295), Toyota Prius ($3.249), Honda Civic Hybrid ($3.238), or Ford Escape Hybrid ($3.178). [...]"

Und der Spritverbrauch von 'nem Wagen im besten Alter? Zur Hölle damit!

 

(Foto via Justin Lippert)

Original: Ralf Becker - Chromjuwelen

 

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